Im Labor gezüchtete Flechten: Eine nachhaltige Lösung für die Erde und darüber hinaus

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Flechten, die als einfache Organismen, die sich an Felsen und Bäumen festklammern, oft übersehen werden, entwickeln sich zu einer überraschend vielseitigen Technologie mit dem Potenzial, das Bauwesen, die Kohlenstoffabscheidung und sogar die Besiedlung des Weltraums zu revolutionieren. Forscher kultivieren jetzt synthetische Flechten – künstliche Partnerschaften zwischen Pilzen und Algen – in Laborumgebungen und erschließen so ihre Möglichkeiten für eine groß angelegte, nachhaltige Produktion. Dies ist nicht nur eine akademische Übung; Es ist ein praktischer Ansatz zur Lösung dringender Probleme auf der Erde und zur Eröffnung von Möglichkeiten für die Besiedlung außerhalb der Welt.

Die Kraft der synthetischen Symbiose

Traditionelle Flechten sind symbiotische Beziehungen zwischen Pilzen und Algen (oder Cyanobakterien), bei denen der Pilz für die Struktur sorgt und der Partner durch Photosynthese Nahrung produziert. Der eigentliche Durchbruch liegt jedoch in synthetischen Versionen: Wissenschaftler modifizieren Hefe genetisch so, dass sie als Pilzwirt fungiert und so eine nachhaltige Produktion wertvoller Verbindungen ermöglicht. Dieser Ansatz erfüllt den dringenden Bedarf an einer skalierbaren, umweltfreundlichen Fertigung. Im Gegensatz zu natürlichen Flechten, die langsam wachsen, beschleunigen diese im Labor gezüchteten Systeme die Produktion und behalten gleichzeitig die zentralen symbiotischen Vorteile bei.

Der Reiz ist klar: Synthetische Flechten können manipuliert werden, um Pharmazeutika, Biokraftstoffe und sogar Materialien zur Kohlenstoffbindung herzustellen. Ein Labor nutzt diese Systeme bereits zur Herstellung von Caryophyllen, einer wertvollen Verbindung, die in mehreren Branchen eingesetzt wird, was die unmittelbare kommerzielle Realisierbarkeit der Technologie demonstriert.

Von der Kohlenstoffabscheidung zu Marslebensräumen

Die Auswirkungen gehen weit über industrielle Anwendungen hinaus. Forscher erforschen Flechten als Lösung für die Reparatur alternder Betonstrukturen und bieten eine selbstheilende Alternative zur herkömmlichen Instandhaltung. Noch ehrgeiziger ist die Vorstellung der NASA und privater Raumfahrtunternehmen, künstliche „lebende Materialien“ – praktisch synthetische Flechten – auf dem Mars einzusetzen. Diese Organismen könnten auf dem Mars-Regolith (Boden) wachsen und ihn zu haltbaren Baumaterialien binden, wodurch der Transport kostspieliger vorgefertigter Strukturen von der Erde entfällt.

Der entscheidende Vorteil ist die Belastbarkeit. Natürliche Flechten gedeihen in extremen Umgebungen und überstehen starke Strahlung, Austrocknung und Temperaturschwankungen. Diese Widerstandsfähigkeit lässt sich gut auf den Weltraum übertragen, wo die Exposition gegenüber rauen Bedingungen unvermeidlich ist. Experimente auf der Internationalen Raumstation haben gezeigt, dass Flechten über längere Zeiträume im Orbit überleben können, was ihr Potenzial für außerirdische Konstruktionen demonstriert.

Die Wissenschaft hinter der Resilienz

Der Erfolg der Flechten beruht auf dem Prinzip der Symbiose. Durch die Partnerschaft zwischen Pilzen und Algen entsteht ein Ganzes, das größer ist als die Summe seiner Teile. Natürliche Flechten beherbergen oft mehrere Arten – Bakterien und weitere Pilze – und bilden komplexe mikrobielle Gemeinschaften, die das Überleben verbessern. Diese Vielfalt ermöglicht ihnen den Zugriff auf ein breiteres Spektrum an Verbindungen zum Schutz und zur Ressourcennutzung.

Einige Flechten produzieren beispielsweise Melanin (Hautpigment) und Carotinoide (in Karotten enthalten) als natürliche Sonnenschutzmittel, die die symbiotische Gemeinschaft vor schädlicher UV-Strahlung schützen. Ihre langsame Wachstumsrate minimiert auch den Ressourcenbedarf, sodass sie auch in nährstoffarmen Umgebungen gedeihen können. Forscher reproduzieren diese Effizienz nun, indem sie schnell wachsende Mikroben paaren, um noch robustere synthetische Systeme zu schaffen.

Konkrete Lösungen und zukünftige Materialien

Forscher der Texas A&M University erforschen Flechten in der Betonreparatur, indem sie Pilze mit Cyanobakterien kombinieren, um Kalziumkarbonat auszufällen und so Risse in Strukturen effektiv zu „heilen“. Für diesen Ansatz sind keine externen Nährstoffe erforderlich, da die synthetische Flechte der Luft Stickstoff entzieht und sich so selbst ernährt. Die gleichen Prinzipien gelten für die Herstellung von Mykomaterialien: Durch eingebettete Cyanobakterien mineralisierte Pilzbestandteile bilden ein steinähnliches Exoskelett und bieten eine nachhaltige Alternative zu herkömmlichen Baumaterialien.

Diese Technologie ist nicht auf die Erde beschränkt. Das Interesse der NASA ergibt sich aus der Möglichkeit, Baumaterialien vor Ort auf dem Mars herzustellen und dabei vorhandene Ressourcen statt teurer Importe zu nutzen. Der Prozess würde den 3D-Druck von Strukturen aus Mars-Regolith beinhalten, die durch aus Flechten gewonnene Biopolymere zusammengehalten werden, um bewohnbare Räume mit minimalem externen Input zu schaffen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Labor gezüchtete Flechten einen Paradigmenwechsel in der nachhaltigen Materialwissenschaft darstellen. Von der Reparatur der Infrastruktur auf der Erde bis zum Aufbau von Lebensräumen auf dem Mars bieten diese technischen Symbiosensysteme eine skalierbare, belastbare und umweltfreundliche Lösung für den Aufbau einer nachhaltigeren Zukunft.