Weltweit steigende Pestizidtoxizität: Eine wachsende Bedrohung für Ökosysteme

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Mehr als sechs Jahrzehnte nachdem Rachel Carsons „Silent Spring“ die Welt auf die Gefahren von Pestiziden aufmerksam machte, zeigt eine neue Analyse, dass die Gesamttoxizität dieser Chemikalien weltweit zunimmt. Die von Ralf Schulz von der RPTU Kaiserslautern-Landau geleitete Studie weist auf einen beunruhigenden Trend hin: Trotz Vorschriften nehmen Menge und Wirksamkeit der weltweit eingesetzten Pestizide zu.

Messung der toxischen Belastung

Die Forscher bewerteten die „angewandte Toxizität“ von 625 Pestiziden in 201 Ländern im Zeitraum 2013 bis 2019. Diese Kennzahl kombiniert die Menge der verwendeten Pestizide mit ihrer Toxizität für acht wichtige Gruppen von Organismen, darunter Bestäuber, Fische und Landwirbeltiere. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die gesamte angewandte Toxizität stieg in diesem Zeitraum in sechs von acht Gruppen an. Beispielsweise stieg die Toxizität für Bestäuber um 13 %, für Fische um 27 % und für Insekten um 43 %.

Dieser Anstieg führt nicht zwangsläufig zu einem unmittelbaren Schaden, aber er fungiert als wichtiger Indikator. Es zeigt, dass die eingesetzten Pestizide für wichtige Arten immer gefährlicher werden.

Warum die Toxizität zunimmt

Zwei Hauptfaktoren treiben diesen Trend voran: der erhöhte Einsatz von Pestiziden und der Ersatz älterer Chemikalien durch wirksamere. Dies ist größtenteils auf die Schädlingsresistenz zurückzuführen; Da sich Insekten und Unkräuter weiterentwickeln, um den vorhandenen Pestiziden standzuhalten, wenden sich Landwirte stärkeren, giftigeren Alternativen zu.

Pyrethroide, die häufig verwendet werden, aber für Fische und wirbellose Wassertiere äußerst schädlich sind, sind ein Hauptanliegen. Ebenso stellen Neonicotinoide eine erhebliche Bedrohung für Bestäuber dar. Sogar viel diskutierte Herbizide wie Glyphosat (Roundup) tragen zur gesamten toxischen Belastung bei, obwohl sie aufgrund der schieren eingesetzten Menge eine relativ geringe Einzeltoxizität aufweisen.

Die Grenzen der Regulierung und Risikobewertung

Die Studie verdeutlicht ein systemisches Problem: Bei Risikobewertungen wird die tatsächliche Pestizidexposition durchweg unterschätzt. Daten zeigen, dass die Pestizidkonzentrationen in Umgebungen wie Flüssen häufig die von den Aufsichtsbehörden für möglich gehaltenen Werte überschreiten.

Darüber hinaus können Versuche, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren, nach hinten losgehen. Ein Glyphosat-Verbot könnte beispielsweise zur Einführung noch giftigerer Alternativen führen. Ebenso könnte eine Verringerung der landwirtschaftlichen Produktivität eine Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzfläche erforderlich machen, was zu einem größeren Verlust der biologischen Vielfalt führen würde.

Das UN-Ziel und der Weg nach vorne

Im Jahr 2022 einigten sich die Länder auf einem UN-Biodiversitätsgipfel darauf, das „Gesamtrisiko“ durch Pestizide bis 2030 zu halbieren. Der Begriff „Risiko“ bleibt jedoch undefiniert, was eine aussagekräftige Messung erschwert. Experten gehen davon aus, dass die angewandte Toxizität als quantifizierbare Messgröße dienen könnte.

Obwohl kein Messsystem perfekt ist, ist der Trend klar. Die Welt entfernt sich derzeit von diesem Ziel, was eine ernsthafte Bedrohung für Ökosysteme und die menschliche Gesundheit darstellt. Die Studie betont, dass eine kleine Anzahl hochgiftiger Pestizide den größten Teil des Gesamtrisikos ausmacht, was darauf hindeutet, dass gezielte Maßnahmen erhebliche Vorteile bringen könnten.

Letztendlich erfordert die Umgestaltung der Landwirtschaft einen umfassenderen gesellschaftlichen Wandel. Verbraucher müssen bereit sein, Ernährungsumstellungen zu akzeptieren, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren und faire Preise zu zahlen, die die tatsächlichen Umweltkosten der Produktion widerspiegeln. Nur durch systemische Veränderungen können wir beginnen, diese eskalierende toxische Belastung umzukehren.